Die Angst vorm Fliegen

Trigger-Warnung: Depression, Angststörungen.


Du machst langsam die Augen auf. Erst eins, dann das andere. Sie fallen immer wieder zu bis du letztlich deinen Mut zusammen nimmst und auf die Uhr siehst. Ab 5 Uhr weißt du, die Nacht ist vorbei - du hast es ein weiteres Mal geschafft. 11448 Nächte hast du in deinem Leben schon hinter dich gebracht. Wenn du jedoch daran denkst, wie viele es noch werden, wird dir schlecht. In deinen Ohren fängt es an zu piepsen, du fühlst dich wie gelähmt und betäubt. Aber du bist dennoch froh es geschafft zu haben.

Tag 11449 beginnt. Heißt du musst nun aufstehen. Das fällt dir schwer. Es ist, als würdest du die Erdanziehungskraft spüren. Du weißt, du hast Verpflichtungen. Und je länger du liegen bleibst desto mehr Stress hast du nachher im Kampf gegen die Zeit. 

Deine erste "Mahlzeit" am Tag besteht aus einem Glas Wasser und Tabletten. Gegen die Angst. Gegen die Panik. Gegen die Unlust, am Leben zu bleiben. Nachdem alles erledigt ist, legst du dich wieder hin. Oft ins Bett um alleine zu sein. Manchmal aufs Sofa - weil du Angst hast, alleine zu sein. Manchmal sitzt du auf dem Küchenboden weil dein Energiespeicher bereits um 9:30 Uhr aufgebraucht ist. Manchmal sitzt du in der leeren Badewanne, auf dem Fensterbrett, im Wohnzimmer vor der Heizung - wo ist egal, aber du bist alleine am Boden. 

All das bekommen deine Mitmenschen nicht mit. All das bekommen meine Mitmenschen nicht mit. Ich habe Angst davor, dass es mir gut geht. Das meine Laune mehrere Tage hintereinander gut ist. Denn je höher ich mit jedem Lachen fliege, desto tiefer stürze ich anschließend wieder. Manchmal wünschte ich, es gäbe jemanden der all das sehen könnte. Diesen Schmerz. Diese Angst. Diese pure nackte Panik in mir. Jemanden der erkennt, wie es mir geht, ohne das ich es sagen muss. Der an Tagen, an denen ich mich selbst bekriege, mich selbst so unfassbar hasse, dafür das ich lebe, zeigt, dass all das unnötig ist. 

Und doch weiß ich es besser. Denn dieser Mensch kann nur ich selber sein. Nur ich kann mich retten. Nur ich kann mich heilen. Nur ich kann mir verzeihen. Nur ich kann meiner Seele den Frieden schenken, nach dem sie wortlos schreit. 

Tag 11449 endet. Meine letzte "Mahlzeit" besteht aus einem Glas Wasser und TablettenGegen die Angst. Gegen die Panik. Gegen das Gedankenkarussell. Die Nächte sind das schlimmste für mich. Die darauffolgenden Tage das Zweitschlimmste. Und doch bin ich um jede Sekunde Schlaf froh, denn genau in dieser Zeit tut nichts weh. 


Dieser Text behandelt ein sehr ernstes Thema. Darum lasst Euch bitte gesagt sein: Solltet Ihr selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, bei der Telefonseelsorge findet Ihr rund um die Uhr Ansprechpartner, natürlich auch anonym. Bundeseinheitliche Nummer: 0800-1110-111 oder 0800-1110-222 oder 0800-11101-16123.

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